Mediale Präsenz ist für viele Experten und Wissenschaftler wichtig, um ihre Art von Agenda in der Öffentlichkeit umzusetzen. Doch welche weiteren Gründe gibt es? Welche öffentlichen Auftritte werden von Wissenschaftlern genutzt und welche Rolle spielen journalistische Interviews? Wir haben mit Katharina Fuhrin über dieses Thema gesprochen. Sie ist freie Journalistin und Autorin und hat zuvor am Institut für Kommunikationswissenschaft der LMU München promoviert. In ihrem Werk „Der prominente Wissenschaftler – Motive für mediale Präsenz“ gibt sie Einblicke in das Verhältnis von Wissenschaftlern zu Medien und der Öffentlichkeit.

Wie wichtig ist mediale Präsenz für Wissenschaftler?

Katharina Fuhrin: Es ist für sie der einfachste Weg, um mit der Öffentlichkeit in Kontakt zu treten. Warum und in welchem Ausmaß sie das überhaupt tun wollen, hängt mit der Fachrichtung, verschiedenen Abhängigkeiten wie etwa von Drittmittelgebern und natürlich mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen zusammen. Es gibt nach wie vor den Typ Wissenschaftler, der Presseanfragen lieber seinen Kollegen oder Assistenten überlässt und seine Karriere erfolgreich im Stillen vorantreibt. Für viele gehört es aber inzwischen zum Job dazu, ab und an mit Journalisten zu reden.

In welchem Zusammenhang stehen die mediale Präsenz der Wissenschaftler und die Anerkennung innerhalb der Wissenschaft?

Katharina Fuhrin im Interview zu Motiven medialer Präsenz von Wissenschaftlern

Katharina Fuhrin, freie Journalistin und Autorin

Katharina Fuhrin: Reputation innerhalb des Kollegenkreises und Prominenz in den Medien sind zwei unterschiedliche Formen symbolischen Kapitals, die sich nicht aufeinander übertragen lassen. Das ist medial präsenten Wissenschaftlern in der Regel auch bewusst und die meisten würden niemals ihren akademischen Ruf für ein bisschen Ruhm aufs Spiel setzen. Früher mussten sie damit rechnen, dass Auftritte in den Medien innerhalb der Wissenschaft mit Verachtung gesehen wurden. Das hat sich aber verändert. Heute sind viele Presseabteilungen von Universitäten und wissenschaftlichen Instituten sogar aktiv bemüht, Interviews mit ihren Forschern zu vermitteln. Die positiven Effekte von Medienpräsenz wiegen stärker als das Getuschel von einigen wenigen Kollegen.

Aufmerksamkeit und Reputation sind vermutlich die schlüssigsten Motive für die mediale Präsenz von Wissenschaftlern. Ist das richtig und welche anderen Motive spielen eine Rolle?

Katharina Fuhrin: Reputation lässt sich nicht durch Auftritte im Fernsehen generieren, sondern kann nur von Kollegen durch wissenschaftliche Leistung vergeben werden. Prominenz aber ist natürlich eine Form von Aufmerksamkeit, die der Eitelkeit enorm schmeichelt. Einige der von mir befragten Wissenschaftler haben zugegeben, nach danach regelrecht süchtig geworden zu sein. Die Frage nach den Motiven stand ja im Zentrum meiner Forschungsarbeit. Mir ist aufgefallen, dass sich die Befragten in zwei Punkten stark voneinander unterschieden: Erstens in der Art und Weise, wie sie ihre Öffentlichkeitsarbeit organisieren, also ob sie nur passiv auf Anfragen reagieren oder von sich aus zum Beispiel Kommentare zu aktuellen politischen Themen anbieten. Und zweitens in ihrem Selbstbezug. Während manche vor allem über ihren Fachbereich gesprochen haben, waren anderen persönliche Chancen wichtiger. Diese zwei Parameter haben geholfen, sechs Typen zu beschreiben. Vereinfacht gesagt geht es dem „Aufklärer“ – der häufig aus den Naturwissenschaften kommt – darum, das Publikum über die wissenschaftliche Forschung und vor allem deren Folgen zu informieren. Der „emotionale Aufklärer“ ist ähnlich motiviert, sieht in Medienanfragen aber auch eine intellektuelle Herausforderung, die ihm Spaß macht. Der „Imagepfleger“ ist der Individualist unter den Wissenschaftlern, der sich als gefragter und unverwechselbarer Experte definiert und für den Prominenz genauso wichtig ist wie Reputation. Der „Werber“ ist ein geschickter PR-Treibender, der immer die Auswirkungen auf seinen Fachbereich oder sein Institut im Blick hat. Er will zum Beispiel Drittmittelgeber oder gute Nachwuchskräfte auf sich aufmerksam machen. Der „Pragmatiker“ dagegen sucht eher konkrete Vorteile für sich oder sein direktes Umfeld, sieht seine Äußerungen aber auch als Gegenleistung für die Finanzierung durch Steuergelder. Und der „Meinungsmacher“ sieht sich als „gelernter Weltverbesserer“, der davon überzeugt ist, dass gesellschaftliche Entwicklungen ohne seine Denkanstöße in die falsche Richtung laufen würden. Er ist der einzige Typ Wissenschaftler, der nicht objektiv informieren will, sondern eine bestimmte Ansicht vertritt und für bestimmte Lösungen plädieren will.

Welche Formen öffentlicher „Auftritte“ gibt es? Welche werden von Wissenschaftlern am häufigsten genutzt? Welche sind am zielführendsten?

Katharina Fuhrin: Das hängt davon ab, was der Wissenschaftler mit seinem Auftritt erreichen will. Der Meinungsmacher etwa will ja möglichst viele Menschen aus unterschiedlichen Schichten ansprechen. Dafür gibt es zwei Strategien: Entweder durch sehr viele verschiedene Medienkontakte ohne Selektion. Oder er richtet sich gezielt an führende (Print-)Medien, die oft von Nachrichtenagenturen zitiert werden. Der Pragmatiker dagegen hat klar vor Augen, wen genau er ansprechen will – nämlich in der Regel ein gut informiertes Publikum sowie Entscheidungsträger. Dementsprechend wählt er Medien mit der passenden Zielgruppe aus. Dem Privatfernsehen stehen die meisten skeptisch gegenüber. Der Aufklärer verweigert sich da komplett. Auch deswegen, weil er grundsätzlich darauf besteht, seine Aussagen vor der Veröffentlichung freizugeben, was für Journalisten sehr zeitaufwändig sein kann. Ein eigenes Thema sind Talkshows: Politikwissenschaftler, die oft zu den Pragmatikern zählen, freuen sich über Einladungen. Hier treffen sie nämlich auf Politiker, mit denen sie sich in der Maske unterhalten können. Imagepfleger dagegen mögen solche Runden weniger, weil sie um Redezeit kämpfen müssen.

Wie wichtig sind journalistische Interviews für Wissenschaftler?

Katharina Fuhrin: Für alle Typen sind Interviews interessant, weil sich so fast jede Art von Agenda umsetzen lässt. Der eine fühlt sich als gefragter Experte, der andere kann seine Meinung verbreiten. Auch über die inhaltliche Ebene hinaus schätzen viele Wissenschaftler den Kontakt mit Journalisten. Sie sehen Anregungen für neue Forschungsfragen oder ziehen aus den Gesprächen Hintergrundinformationen. Für ein erfolgreiches Interview legen viele Wert auf eine angenehme Atmosphäre. Einige machen sogar zur Bedingung, dass Sie den entsprechenden Journalisten bereits kennen.

Birgt die mediale Präsenz auch Risiken für Wissenschaftler? Was müssen Wissenschaftler beachten, wenn sie mit Medien(vertretern) in Kontakt kommen?

Katharina Fuhrin: Weit verbreitet ist die Sorge, von Journalisten falsch zitiert zu werden. Die Erfahrung haben fast alle Wissenschaftler tatsächlich auch schon gemacht. Viele bestehen daher darauf, Interviews und direkte Zitate gegenlesen zu dürfen – das habe ich auch bei meiner eigenen Untersuchung gemerkt. Manche befürchten auch, dass ein Thema zu oft in den Medien erscheint und von Drittmittelgebern als „durchgekaut“ bewertet wird. Oder dass ein Projekt im falschen Licht erscheint. Bei brisanten Themen wie Stuttgart 21 oder Tierversuchen müssen Wissenschaftler sich auf eine anstrengende „Anschlusskommunikation“ gefasst machen, das geht bis hin zu Beschimpfungen und Bedrohungen. Und nicht zu vergessen ist das Thema Zeitkonkurrenz: Mehr Zeit für Medienauftritte als für die wissenschaftliche Arbeit aufzubringen geht auf Dauer nicht gut.